Hofmeister: Wir brauchen Krisenpläne, um die Resilienz dieses Systems zu stärken
Mit Blick auf die Corona-Pandemie sagte Hofmeister: „Ich wage zu prognostizieren, dass wir kaum besser vorbereitet sind als beim letzten Mal.“ So gebe es nach wie vor keine klaren Pläne für ein solches Ereignis. Zwar beschäftige sich das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe mit diesen Szenarien. „Aber dass wir so weit sind, dass wir sagen können, wir können durchhaltefähig auch ambulant weiter versorgen, es gibt genug Material, wenn die Versorgungsketten unterbrochen sind, da sind wir noch lange nicht so weit.“
Bereits heute versorgten Haus- und Fachärzte mehr als 95 Prozent aller Gesundheitsprobleme in Deutschland. „Das wird auch in einem Krisen- oder Verteidigungsfall so bleiben. Es könnte sogar eher fast mehr werden“, betonte der KBV-Vize. Deshalb sei es sehr wichtig, dass die ambulante Versorgung weiter funktioniere. „Und das muss nun auch in Krisenplänen abgebildet werden, um die Resilienz dieses Systems zu stärken.“
Umfassende Lagebilder für den Krisenfall
Die Corona-Pandemie habe gezeigt, wie wichtig eine funktionsfähige ambulante Versorgung für die Bevölkerung sei, aber auch, welche Herausforderungen damit verbunden seien, erinnerte Hofmeister. Es sei daher wichtig, mögliche Krisen wie eine neue Pandemie im Blick zu behalten, aber auch andere Szenarien ernst zu nehmen. „Das reicht von Sabotage, großflächigen Stromausfällen bis hin zu möglicherweise Grenzkonflikten an den Ostgrenzen der NATO mit Flüchtlingsströmen, entsprechenden Verletztenzahlen bis hin zu einem Krieg“, sagte er.
Der Gesetzgeber müsse vor diesem Hintergrund die Voraussetzungen dafür schaffen, dass im Krisenfall entsprechende Lagebilder mit allen vorhandenen Daten erstellt werden könnten, forderte der stellvertretende KBV-Vorsitzende. Genauso müsse sichergestellt sein, dass Kassenärztliche Vereinigungen (KVen) und KBV als gleichberechtigte Partner miteinbezogen würden „als diejenigen, die den Sicherstellungsauftrag für die ambulante medizinische Versorgung haben“.
Hofmeister: „Ohne Strom funktioniert gar nichts mehr“
Hofmeister erinnerte an den Anschlag auf das Stromnetz im Berliner Südwesten zu Jahresbeginn, der gezeigt habe, wie fragil das System ist. Weit mehr als 100 Praxen seien neben tausenden Haushalten tagelang ohne Strom gewesen. „Ohne Strom funktioniert gar nichts mehr“, sagte Hofmeister und fuhr fort: „Wir digitalisieren zurzeit komplett alles ohne ein Default-System. Wenn die Digitalisierung ausfällt, wenn also der Strom ausfällt, ist die gesamte Kommunikation weg, sind die Akten weg, ist die Kenntnis über die Patienten weg, funktioniert das eRezept nicht, funktioniert die eAU nicht und so weiter.“ Die Folgen seien noch weitreichender, wenn auch die Wasserversorgung nicht mehr funktioniere. All das habe unmittelbare Konsequenzen für die medizinische Versorgung der Bevölkerung, mahnte Hofmeister.
Die KVen erarbeiten laut Hofmeister derzeit ein Handbuch mit Hinweisen, wie Praxen vorsorgen können, damit in einem Krisenfall der Praxisbetrieb möglichst lange aufrechterhalten werden kann. Das seien zum Teil relativ banale Dinge wie: „Habe ich eine unterbrechungsfreie Stromversorgung, um zumindest die Systeme herunterfahren zu können oder habe ich gewisse Vorräte und wie erreiche ich mein Personal im Krisenfall?“.
Zuständigkeiten müssen geklärt werden
Eine der größten Herausforderungen stellt nach Einschätzung Hofmeisters die Frage nach der Personalverfügbarkeit im Krisenfall dar. Es sei unabdingbar einen Überblick darüber zu haben, wer wann und wo eingesetzt sei. „Hier muss gleichzeitig auch eine Priorisierung festgelegt werden. Wer entscheidet denn, ab wann und nach welchen Kriterien, ob jemand als Praxisinhaber in seiner Praxis bleibt oder als Reservist arbeitet oder bei der Feuerwehr oder den Johannitern mit aushilft. Das sind auch Dinge, die müssen geregelt werden und da brauchen wir ganz dringend einen besseren Überblick, als wir ihn bisher haben“, forderte er.
Die KBV sei derzeit in vielen Gesprächen zu dem Thema Krisenresilienz und warte derzeit auf den Entwurf des vom Bundesgesundheitsministerium angekündigten Gesundheitssicherstellungsgesetzes, sagte Hofmeister. „Dann müssen wir von dort aus weitersehen, was möglicherweise noch fehlt und woran noch gearbeitet werden muss.“