Primärarztsystem ist komplex
Textfassung des Videos
Dr. Andreas Gassen im Interview
Wie bewerten Sie das Positionspapier des GKV-SV?
Das ja das Positionspapier des Verwaltungsrats des GKV-Spitzenverbandes und insofern muss man schon sagen, hier hat eine sehr versorgungsferne Struktur Ratschläge zur Versorgungsgestaltung gemacht. Das kann man dann eigentlich auch damit schon einordnen. Viele der Vorschläge sind wirklich fern der Versorgungsrealität und manchmal wäre ich tatsächlich froh, wenn sich ein Verwaltungsrat der GKV darum bemühen würde, Abläufe in der Verwaltung der GKV zu verbessern und da Einsparpotenziale zu heben, denn wie wir aus den neuesten Studien unter anderem von Deloitte wissen, ist ja das eins der großen Einsparpotenziale, nämlich die Effizienzsteigerung bei den gesetzlichen Krankenversicherungen neben der Digitalisierung, der Ambulantisierung und den Medikamentenkosten. Die ambulante Versorgung wird da nicht erwähnt, aus gutem Grund, nur 16% der Kosten werden für 97% der Versorgung ausgegeben. Bevor sich ein Verwaltungsrat Gedanken zur Umgestaltung der Versorgung vor Ort machen würde, wäre ich schon froh, wenn sie sich Gedanken darüber machen würden, wie man die bisher geleistete Versorgung zu 100% bezahlen kann, was ja leider immer noch nicht passiert.
Von daher muss man diesen Vorschlag in die Schublade vieler Vorschläge von Institutionen oder Menschen legen, die für sich reklamieren, Versorgungsexperten zu sein, allerdings Versorgung noch nie selbst gestalten mussten.
Wie geht es weiter mit der primärärztlichen Versorgung?
Das Thema eines Primärarztsystems wird noch viel Diskussion erfordern, weil ganz so einfach ist es eben nicht, wie es sich immer liest oder wie sich das der eine oder andere in irgendeiner Verwaltung denkt. Denn vorausgesetzt wäre ja zunächst einmal, dass wir ausreichend Primärärzte haben. Das haben wir aktuell schon nicht. 5.000 Hausarzt-Sitze sind nicht besetzt. Aktuelle Umfragen der Bertelsmann-Stiftung zeigen beispielsweise, dass von den noch arbeitenden Hausärztinnen und Hausärzten etliche in den nächsten zwei bis drei Jahren den Ruhestand planen und der große Rest in weiten Teilen deutlich weniger arbeiten möchte. Das passt natürlich nicht wirklich zu einem Primärarztsystem, wo ja streng genommen deutlich mehr Arbeit geleistet werden müsste. Und es hilft dann auch nicht, immer auf andere Gesundheitsberufe zu verweisen, die dann in der Delegation oder Substitutionsverantwortung Leistungen, die eigentlich ärztlich sind, erbringen können. Zum einen ist das natürlich ein Downsizing der Qualität. Das ist das eine. Zum anderen ist es ja aber auch nicht so, dass wir Heerscharen von anderen Gesundheitsberufen sozusagen in der Reserve hätten, nur darauf warten, endlich eingesetzt zu werden, denn wir haben zu wenig Pflegekräfte, wir haben zu wenig Krankenschwestern, wir haben zu wenig MFAs. Und von daher den einen Mangel mit einem anderen beheben, macht auch nicht wirklich Sinn.
Und von daher sind wir ganz zuversichtlich, dass die Politik hier das intensive Gespräch sucht und ich glaube, dann kriegt man auch eine vernünftige Lösung hin, wo man auch einen primärärztlichen Teil implementieren kann, denn es ist ohne Frage richtig, dass es eine ganze Reihe von Patienten gibt, die von einer primärärztlichen Steuerung und Koordinierung profitieren würden und da sind wir sehr gespannt und freuen uns auf den Dialog mit der neuen Gesundheitsministerin.