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„Die Niederlassung ist und bleibt attraktiv“ Matthias Schellenberg im Interview

Portrait von Matthias Schellenberg

Matthias Schellenberg ist Vorstandsvorsitzender der apoBank, einer auf Heilberufe spezialisierten Genossenschaftsbank mit Sitz in Düsseldorf. Im Klartext-Interview spricht er über das kürzlich verabschiedete GKV-Spargesetz, Kosten und Chancen einer Niederlassung – und was er als Nächstes von der Politik erwartet, um das Gesundheitssystem auf Kurs zu bringen.

Herr Schellenberg, das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz ist beschlossen und bringt tiefe Einschnitte in die ambulante Versorgung mit sich. Wie bewerten Sie die Reform aus Sicht einer auf Heilberufler spezialisierten Bank?

Wirtschaftlich betrachtet ist es richtig, ein Gleichgewicht zwischen Einnahmen und Ausgaben herzustellen. Dauerhaft muss das die Grundlage sein. Was man allerdings auch sehen muss: Die strukturellen Themen werden mit der Reform noch gar nicht angegangen. Wir haben durch Parallelstrukturen und vor allen Dingen bei den versicherungsfremden Leistungen ein erhebliches Missverhältnis. Wir reden hier von über 12 Milliarden Euro allein an versicherungsfremden Leistungen für Bürgergeldempfänger. Es kann nicht sein, dass die Beitragszahler allein dafür aufkommen.

Im größeren Kontext gesehen, konterkariert das Spargesetz die Bemühungen für eine Stärkung der ambulanten Versorgung. Das ist aus meiner Sicht der größte Kritikpunkt. Sinnvoller wäre eine bessere Steuerung der Patientenströme, eine Stärkung der Ambulantisierung, mehr Digitalisierung und bessere Vernetzung. Das sind die Dinge, die eigentlich strukturell notwendig sind, um Kosten zu sparen.

Ein zentraler Baustein jeder Niederlassung ist die Finanzierung – Kredite im fünf- bis sechsstelligen Euro-Bereich sind nicht ungewöhnlich. Wie verändern gesundheitspolitische Eingriffe wie das GKV-Spargesetz die Kreditprüfung?

Bei der Kreditprüfung sind wir ständigen Veränderungen unterlegen. Wir betreiben dieses Geschäft seit über 100 Jahren. Insofern hat das Spargesetz auf die Grundsätze der Kreditprüfung einer Finanzierungsstruktur keinen unmittelbaren Einfluss. Als Bank der Gesundheit verfolgen wir sehr genau, was im Gesundheitsmarkt passiert – und sind uns daher sicher: Der Bedarf an der ambulanten Versorgung wird eher steigen – Stichwort demografischer Wandel, Zunahme chronischer Erkrankungen. Wir sehen weiterhin wirtschaftlich sehr gute Perspektiven für die ärztliche Niederlassung.

Und übrigens: Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) ist nur ein Teil des Honorarflusses. Der andere Teil sind die Privateinnahmen – ich denke, dass diese in Zukunft durchaus wichtiger sein werden. Grundsätzlich zwingen die gesundheitspolitischen Eingriffe die niedergelassenen Ärzte dazu, stärker auf die gesetzlich vorgesehenen 25 Stunden pro Woche zu achten, und die bisher freiwillig mehr erbrachten Leistungen einzuschränken oder künftig privat abzurechnen.

Es geht vor allem um Planungssicherheit und Verlässlichkeit.

Welche Annahmen in Ihren Finanzierungsmodellen geraten durch solche Reformen besonders unter Druck – sind es eher Honorarperspektiven, Kostenstrukturen oder die langfristige Planungssicherheit?

Es geht vor allem um Planungssicherheit und Verlässlichkeit. Hier hängen die Finanzierungsentscheidungen selbst als solche nicht unmittelbar an den Reformen, aber sie lösen natürlich Beratungsbedarf aus. Bei niederlassungswilligen Ärztinnen und Ärzten entstehen in der Wahrnehmung eines solchen Gesetzesvorhabens Unsicherheiten, die wir dann ausräumen müssen.

Neben der reinen Finanzierung treten für uns deshalb auch die beratenden Aspekte stärker in den Vordergrund – bei betriebswirtschaftlichen Fragen, zur Praxisorganisation und zur Digitalisierung. Insgesamt rechnen wir durchaus mit steigenden Kosten. Sie müssen durch die Einnahmen entsprechend kompensiert werden. Hier geht es auch nicht zuletzt um den Mix zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung. 

Gesundheitspolitik scheint zunehmend zu einem relevanten Risikofaktor zu werden. Wie „bepreist“ eine Bank politische Unsicherheit überhaupt?

Ich würde nicht von Risikofaktor sprechen. Politik oder gesellschaftliche Entwicklungen gehen immer mit Wandel und Reformen einher. Die Frage ist, wie wir diese Reformen angehen, mit welcher Verlässlichkeit. Und auch hier geht es darum, dass die apoBank als Standesbank in der Lage sein muss, Ärztinnen und Ärzte auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit gut zu begleiten, um Unsicherheiten auszuräumen beziehungsweise so zu unterstützen, dass sich Heilberufler auf den Kern ihrer Aufgaben konzentrieren können. Wir arbeiten mit Modellrechnungen, wir erstellen Szenarien, auch auf regionaler Ebene. So können wir gemeinsam mit demjenigen, der sich niederlassen möchte, solide Konzepte aufstellen und entsprechend justieren.

Viele Ärzte und Psychotherapeuten berichten von wachsender Verunsicherung. Wie nehmen Sie diese Stimmung wahr – und spiegelt sie sich in Finanzierungsanfragen wider?

Ich habe das Gefühl, dass es eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung ist, die sich auch bei Heilberuflern niederschlägt. Wir haben heute einen stärkeren Trend zu Kooperationen, zu Work-Life-Balance und zu Teilzeit. Für Praxisgründer bedeutet das auch Chancen, wenn sie beispielsweise mit Partnern gründen oder sich Arztsitze teilen. Die Unsicherheit entsteht vor allem außerhalb des Kern-Fachgebietes, bei Themen wie Bürokratie, Regulatorik und Fachkräftemangel.

Hinzu kommt: Betriebswirtschaftliche Fragestellungen insgesamt werden wichtiger – auch etwas, was in der ärztlichen Ausbildung nicht vorkommt. Hier sehen wir es als unsere Aufgabe, diese Themen aufzugreifen und die Niederlassung weiterhin als attraktiven Weg in ein Berufsfeld zu ermöglichen. Das gelingt auch – die Nachfrage nach Existenzgründungsfinanzierungen bleibt weiterhin auf hohem Niveau. 

Die Bürokratie ist einer der größten Schmerzpunkte. Wir haben gerade im Gesundheitswesen ein ungeheures Berichtspflichten-Heft, das schnürt ein und muss unbedingt gelockert werden.

Inwiefern besteht aus Ihrer Sicht die Gefahr, dass zunehmende Regulierung die Niederlassung insgesamt unattraktiver macht?

Da ist die Medizin in guter Gesellschaft mit allen anderen Wirtschaftszweigen. Die Bürokratie ist einer der größten Schmerzpunkte. Wir haben gerade im Gesundheitswesen ein ungeheures Berichtspflichten-Heft, das schnürt ein und muss unbedingt gelockert werden. Für die immer höheren Anforderungen an Informationsvernetzung und -weitergabe brauchen wir die richtige und funktionierende Technologie. Wir brauchen aber auch wieder eine Vertrauenskultur. Berichtspflichten bauen eigentlich auf Misstrauen, und das ist gerade im ärztlichen Umfeld kontraproduktiv.

Und trotzdem – die Niederlassung ist und bleibt attraktiv, weil sie die Möglichkeit bietet, selbstverantwortlich die medizinischen Entscheidungen zu treffen und die Therapieplanung zu gestalten. Auch Arbeitszeiten eigenständig einzuteilen, hilft, Beruf und Privatleben besser zu vereinbaren als in der Anstellung.

Laut einer Umfrage Ihrer Bank von vor drei Jahren können sich rund 70 Prozent der Medizinstudierenden eine Niederlassung vorstellen. Was würden Sie einem angehenden Arzt jetzt raten, wenn er eine Praxis gründen oder übernehmen möchte?

Ärzte werden immer gebraucht. Man sollte nur nicht unvorbereitet in die Selbstständigkeit reinlaufen. Die medizinische Ausbildung impliziert keine betriebswirtschaftlichen Aspekte, diese spielen aber im Rahmen der Niederlassung eine wichtige Rolle. Dergestalt, dass man sich immer einen Partner an die Seite stellen sollte, der einen auf diesem Weg begleitet. Man muss sich mit den Themen auseinandersetzen, man muss aber nicht alles selber lösen. 

Die finanzielle Lage der GKV bleibt angespannt, weitere Reformen sind in der Pipeline. Wie blicken Sie vor diesem Hintergrund auf die Zukunft der ambulanten Versorgung in Deutschland?

Es waren vor allem politische Zwänge, die dieses Spargesetz jetzt vor den Strukturreformen hervorgebracht haben. Man hätte es umgekehrt machen müssen oder allenfalls zeitgleich. Insofern ist meine große Hoffnung, dass die Kommission in den nächsten Monaten Strukturen definiert, die es ermöglichen, unser System über die nächsten Jahre solide zu finanzieren. Die werden mit Zumutungen für alle einhergehen, auch für Patientinnen und Patienten – damit meine ich aber beispielsweise auch mehr Eigenverantwortung.

Mit dem demografischen Wandel, der ansteht, wächst der Bedarf an medizinischer Versorgung, gleichzeitig wachsen die Kosten für eine immer bessere Medizin. Deshalb glaube ich, dass wir und die Politik bald vor der Frage stehen werden: Was bedeutet Basisversorgung und wie können wir die für Patientinnen und Patienten in Deutschland zur Verfügung stellen? Das erfordert eine breite gesellschaftliche Diskussion, und diese werden wir führen müssen.

Was würden Sie sich konkret von der Politik wünschen, um Investitionssicherheit für Niederlassungen zu gewährleisten?

Den Mut zu echten Strukturreformen und auch den Mut, schon mal die eine oder andere für den Wahlkampf unbequeme Entscheidung zu treffen, weil Entwicklungen sonst über kurz oder lang im System ungesteuert selbst passieren – gerade im Rahmen der Krankenhausreform, aber auch bei der Vernetzung zwischen stationärer und ambulanter Versorgung. Auch eine ehrliche und klare Kommunikation zu den Konsequenzen der Reformen, die für mehr Qualität aber auch für weniger Versicherungsleistungen sorgen werden, ist etwas, was ich mir von der Politik wünschen würde.