Kritischer Trend setzt sich fort: Mehr Ärzte und trotzdem weniger Zeit
Die vertragsärztliche Versorgung ist mit 191.875 teilnehmenden Ärztinnen und Ärzten sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten im vergangenen Jahr erneut gestiegen: Insgesamt kamen 2.324 Menschen im Vergleich zu 2024 hinzu, was einen Zuwachs von 1,2 Prozent bedeutet. Doch die Steigerung variiert je nach Fachbereich und fällt im ärztlichen Bereich geringer aus (0,7 Prozent) als in der Psychotherapie (3,7 Prozent).
„Die Zahlen bestätigen es einmal mehr: Die ambulante Versorgung ist weiterhin die tragende Säule unseres Gesundheitswesens – und noch steht sie gut da. Insgesamt stemmen die niedergelassenen Haus- und Fachärzte sowie Psychotherapeuten 97 Prozent der Versorgung. Und die überwiegende Mehrheit der Kolleginnen und Kollegen arbeitet nach wie vor gern in der eigenen Niederlassung. Doch ebenso deutlich wird: Arztpraxen sind keine beliebig verfügbare Ressource“, ordnet KBV-Vorstandsvorsitzender Dr. Andreas Gassen die Arztzahlstatistik ein. Damit die Versorgung in Deutschland erhalten bleibt, müsse die Politik deshalb unbedingt für attraktive Rahmenbedingungen sorgen, anstatt die Niedergelassenen mit unausgereiften Sparvorschlägen oder zusätzlichen Belastungen zu verschrecken, betont der KBV-Chef: „Die zur Verfügung stehende Arztzeit bleibt begrenzt – und viele junge Ärztinnen und Ärzte tendieren zur Anstellung oder Teilzeit. Diese Entwicklung muss ernstgenommen werden. Denn ohne die Praxen läuft in der Gesundheitsversorgung so gut wie nichts.“
Dr. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KBV, fügt hinzu: „Wer sich niederlässt, arbeitet mit Herz und hat die Chance, Menschen über Jahre zu begleiten. Diese Nähe zeigt, warum die Praxis vor Ort so eminent wichtig ist. Aber gerade bei der hausärztlichen Versorgung weisen die Zahlen einen kontinuierlichen Rückgang nach. Und schon jetzt sind etwa 5.000 Hausarztsitze deutschlandweit nicht besetzt. Und die Abgangsraten durch die Babyboomer werden zukünftig noch weiter steigen. Deshalb brauchen wir dringend Strukturreformen – unter anderem etwa weniger Bürokratie und eine bessere Patientensteuerung.“
Dr. Sibylle Steiner, KBV-Vorstandsmitglied, weist auf einen weiteren Aspekt der aktuellen Arztzahlstatistik hin: „Die Ärzteschaft wird jünger und weiblicher. Immer mehr Kolleginnen übernehmen medizinische Verantwortung und prägen die ambulante Versorgung vor Ort entscheidend mit. Vor allem in diesen Gruppen zeigt sich, dass eine moderne ambulante Versorgung nur gelingt, wenn wir einen Arbeitsalltag ermöglichen, der medizinische Qualität in den Mittelpunkt stellt und gleichzeitig individuelle Lebensrealitäten berücksichtigt. Dafür muss die Politik für die richtigen Rahmenbedingungen sorgen: weniger Bürokratie, die Abschaffung sinnloser Wirtschaftlichkeitsprüfungen und eine verlässliche Digitalisierung. Es braucht verlässliche Arbeitszeitmodelle, planbare Vertretungsstrukturen und eine funktionierende digitale Infrastruktur. Nur so bleibt die Niederlassung attraktiv und nur so können wir den steigenden Versorgungsbedarf auch künftig zuverlässig decken.“
Die aktuelle Arztzahlstatistik zählt dabei insgesamt 122.903 Vertragsärzte und -psychotherapeuten, die in einer eigenen Praxis tätig waren. Im Jahr davor waren es noch 123.752 Ärzte und Psychotherapeuten. Die Anzahl der angestellten Ärzte und Psychotherapeuten ist allerdings von 55.604 auf 58.877 gestiegen. Bei der Betrachtung nach Fachgruppen ergibt sich vor allem bei den Psychologischen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten ein Wachstum (+3,7 Prozent), wohingegen in der Ärzteschaft im Vergleich zu 2024 nur ein leichter Zugang (+0,7 Prozent) zu verzeichnen ist. Nur geringfügig ist auch die Zahl der Hausärztinnen und Hausärzte gestiegen – und zwar im vergangenen Jahr um 0,6%, von 55.435 auf 55.778. Aufgrund des Trends zur Teilzeit sank die Zahl der vollen Sitze in der hausärztlichen Versorgung sogar um 0,1%.
Zudem wird deutlich, dass Ärzte und Psychotherapeuten zunehmend flexiblere Arbeitsformen wählen: So befanden sich 2025 knapp 60.000 in einer Anstellung, während mehr als 70.000 in Teilzeit arbeiteten (45.795 Mediziner und 25.692 Psychologische Psychotherapeuten). Noch überwiegt unter den Medizinerinnen und Medizinern die Vollzeitbeschäftigung (98.447) im Vergleich zur Teilzeitbeschäftigung, doch der Trend zeigt auch hier einen Zuwachs bei der zweiten Gruppe. Setzt sich der Trend der vergangenen zehn Jahre unverändert fort, wäre ein Übergang zu einer mehrheitlichen Teilzeitbeschäftigung im Jahr 2039 erreicht. Mit anderen Worten: In den kommenden 20 Jahren werden etwa 25.000 in Vollzeit tätige Ärztinnen und Ärzte die ambulante Versorgung verlassen. Um diese Kapazität auf Teilzeitbasis zu ersetzen, bräuchte es rund 50.000 Ärztinnen und Ärzte.
Zeitgleich verjüngte sich die Ärzte- und Psychotherapeutenschaft 2025 leicht und lag in der Gesamtbetrachtung bei 53,9 Jahren. Unter den Fachgruppen gibt es dabei starke Schwankungen und Unterschiede von über einem Jahrzehnt: Die jüngste Fachgruppe stellen die Kinder- und Jugendpsychotherapeuten mit durchschnittlich 50,8 Jahren dar, wobei die Ärztlichen Psychotherapeuten im Schnitt 61,1 Jahre alt sind. Bei den Geschlechtern setzt sich ebenfalls die Tendenz der Vorjahre hin zu einer überwiegend weiblichen Verteilung fort: So lag der Gesamtanteil der Frauen 2025 bei mehr als der Hälfte (53,2 Prozent) – 2015 lag er noch bei 44,1 Prozent.