Klartext

„Ambulantisierung durch strategische Anpassungen beschleunigen“ Interview mit Simone Borchardt

Simone Borchardt, CDU spricht im Bundesrat

Seit 2021 ist Simone Borchardt Mitglied des Deutschen Bundestags und seit Mai 2025 gesundheitspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Fraktion. Im Klartext-Interview spricht die Gesundheitsökonomin über Chancen der Ambulantisierung, den Nutzen von Hybrid-DRG und die ambulante Aus- und Weiterbildung in Praxen.

In Deutschland werden zu oft und zu viele Leistungen stationär erbracht. Woran liegt es aus Ihrer Sicht, dass die Ambulantisierung bei uns im internationalen Vergleich so stark hinterherhinkt?

Als Gesundheitspolitikerin gilt für mich: Wir modernisieren unser Gesundheitswesen. Deutschland hat 7,8 Betten pro 1.000 Einwohner, der OECD-Schnitt liegt bei 4,3. 92 Prozent der Krankenhausausgaben fließen in vollstationäre Leistungen. Dadurch wird das Bett belohnt, nicht der Bedarf. Es mangelt an Steuerung, Vernetzung und Patienten finden keinen klaren Weg. Die Länder haben ebenso zu wenig in ambulante Strukturen investiert. Andere Nationen nutzen hier schon seit Jahren sektorengleiche Vergütungen. Unser Auftrag ist klar: Kräfte aus Praxis und Klinik bündeln, den Patienten ins Zentrum stellen und Leistungen dort erbringen, wo sie sinnvoll sind. Das bedeutet, Investitionen umzulenken, Qualität zu messen und überkommene Strukturen abzubauen. Nur so schaffen wir Sicherheit, Qualität und Effizienz.

Sind Hybrid-DRG wirklich der richtige Weg, um die Ambulantisierung voranzubringen?

Die Hybrid-DRG sind ein Fortschritt: Seit 2024 gilt für ausgewählte Eingriffe dieselbe Fallpauschale, egal ob ambulant oder stationär. Damit haben wir rund 400.000 stationäre Fälle eingespart; 2025 kamen weitere Leistungen hinzu und 2026 sind 69 DRG mit 904 OPS-Codes geplant. Wir müssen diesen Katalog konsequent erweitern und bürokratische Hürden abbauen. Zugleich braucht es Anreize: Wenn ein Eingriff ambulant erfolgt, soll die Pauschale günstiger sein, damit alle profitieren. Die Versorgung muss aus einer Hand organisiert werden, inklusive Nachsorge und Qualitätsmessung. Die Hybrid-DRG öffnen die Tür, aber sie reichen nicht allein. Wir brauchen zusätzlich ein Primärarztsystem zur Steuerung, mehr Transparenz bei Kosten und Qualität und faire Beteiligung für alle Akteure. Dann wird dieses Instrument zum echten Motor der Ambulantisierung.

Sie wollen sektorenübergreifende Versorgungsstrukturen fördern, um „Brüche zwischen ambulanter und stationärer Versorgung abzubauen“. Wie soll das geschehen?

Unser Ziel ist ein Gesundheitswesen ohne Sektorengrenzen. Haus- und Fachärzte, Kliniken, Reha-Einrichtungen und Pflegedienste müssen in regionalen Netzwerken zusammenarbeiten. Dabei gilt das Prinzip „Digital vor ambulant vor stationär“. Wir wollen Patientenströme steuern: ein Primärarztsystem als Lotsenfunktion, eine elektronische Patientenakte, die Übersicht schafft, und eine bundesweite Notfallnummer, die in integrierte Zentren führt. Diese Zentren kombinieren ambulante OP-Säle, Kurzzeitpflege, Notdienst und Telemedizin. Qualitätsregister mit einer gemeinsamen Planung können helfen, damit jeder Schritt nachvollziehbar wird. Dieser Ansatz schafft dann auch Verlässlichkeit. Patientinnen und Patienten müssen nicht mehr durch das System irren, sondern sie sollen gezielt gesteuert werden.

Welche Förderinstrumente und Finanzierungswege sehen Sie vor, um alle Beteiligten bei den notwendigen Investitionen auf dem Weg zu mehr Ambulantisierung zu unterstützen?

Die Transformation gelingt nur mit Investitionen und klaren Prioritäten. Der Transformationsfonds stellt von 2026 bis 2035 bis zu 50 Milliarden Euro bereit, je zur Hälfte aus der Liquiditätsreserve des Gesundheitsfonds und den Ländern. Damit können auch Kliniken als sektorenübergreifende Zentren aktiv werden. In den ersten vier Jahren trägt der Bund 70 Prozent; die Länder leisten je 1,5 Milliarden Euro. Ergänzend fördern wir ambulante OP-Zentren und Praxiskliniken. Für die Weiterbildung gibt es 5.800 Euro pro Monat, plus Zuschläge für unterversorgte Gebiete.

Ein zentrales Thema ist in diesem Zusammenhang auch die ambulante Aus- und Weiterbildung in Praxen – insbesondere im fachärztlichen Bereich. Was muss aus Ihrer Sicht getan werden, um die Rahmenbedingungen sowohl für die Auszubildenden als auch für die ausbildenden Praxen weiter zu verbessern?

Die Finanzierung der ambulanten Aus- und Weiterbildung ist bereits beschlossen. Um jedoch die Qualität und Attraktivität der Ausbildung in Praxen weiter zu steigern, müssen wir zusätzliche Rahmenbedingungen schaffen. Dazu gehört die Verbesserung der digitalen Infrastruktur in den Praxen, die Bereitstellung von Mentorenprogrammen für Auszubildende sowie die Förderung von Praktika und Fortbildungen, die den neuesten Standards entsprechen. Zudem sollte es verstärkte Kooperationen zwischen Kliniken und Praxen geben, um den Auszubildenden eine praxisnahe und abwechslungsreiche Ausbildung zu bieten. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Anpassung der Arbeitsbedingungen in den Praxen, um Fachkräfte langfristig zu binden und eine nachhaltige Ausbildung sicherzustellen. Nur durch solche Maßnahmen können wir sicherstellen, dass wir auch in Zukunft genug qualifizierte Fachärzte im ambulanten Bereich haben.

Welche Meilensteine möchten Sie im Verlauf dieser Legislaturperiode erreichen, damit die Ambulantisierung spürbar vorankommt?

In der laufenden Legislaturperiode möchte ich mich darauf konzentrieren, die Ambulantisierung durch strategische Anpassungen zu beschleunigen. Ein entscheidender Punkt ist die Verbesserung der Kurzliegerzeiten in Krankenhäusern, um mehr Patienten für eine ambulante Behandlung zu gewinnen. Dazu müssen wir die Rahmenbedingungen für ambulante Operationen und Kurzaufenthalte weiter verbessern, indem wir administrative Hürden abbauen und den Übergang von stationären zu ambulanten Verfahren reibungsloser gestalten. Dies erfordert eine engere Zusammenarbeit zwischen Kliniken, niedergelassenen Ärzten und Pflegeeinrichtungen. Zudem müssen wir den Ausbau von Nachsorgekonzepten stärken, damit Patienten nach kürzeren Aufenthalten weiterhin bestens betreut werden. Auch die Nutzung von Telemedizin und digitalen Plattformen kann dabei helfen, die Patientenversorgung effizienter zu gestalten und gleichzeitig die Verweildauer in den Krankenhäusern zu reduzieren. Dies sind die Schlüssel, um die Ambulantisierung voranzutreiben und das System nachhaltig zu entlasten.

Was muss die Vertragsärzteschaft Ihrer Meinung nach tun, um diesen Prozess mitzugestalten?

Die Vertragsärzteschaft hat bereits einen enormen Schritt in Richtung Ambulantisierung gemacht, und ich sehe den Mut, den viele Ärztinnen und Ärzte bereits heute an den Tag legen, um neue Wege zu gehen. Dieser Mut, die ambulante Versorgung auszubauen und sich aktiv in sektorenübergreifende Netzwerke einzubringen, ist die Grundlage für den Erfolg der Gesundheitsversorgung der Zukunft. Ich werde diesen Mut konsequent unterstützen, indem wir als Politik dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen stimmen – durch faire Vergütung, Bürokratieabbau und digitale Unterstützung. Wir müssen die richtigen Anreize setzen, damit die Vertragsärzteschaft noch stärker von der stationären auf die ambulante Versorgung umschaltet. Der Weg zur stärkeren Nutzung digitaler Lösungen wie der elektronischen Patientenakte und der Telemedizin ist schon jetzt eine Herausforderung, aber ich bin überzeugt, dass die Ärzteschaft diese Herausforderung mitgestalten wird. Wir stehen hinter diesen mutigen Entscheidungen und werden sie auf ihrem Weg unterstützen.

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