„Dann gibt es weniger Termine“ – KBV-Chef warnt vor weiteren Kürzungen und kündigt Klage gegen Psychotherapie-Beschluss an
In einem Video-Interview nannte Gassen den Kürzungsbeschluss einen „einzigartigen Vorgang“. Dass aktiv Honorare beschnitten würden, habe es bisher noch nicht gegeben. Nach Einschätzung der KBV ist der Beschluss, der vorige Woche gegen die Stimmen der Ärzteseite gefasst wurde, nicht rechtssicher. Die KBV werde deshalb beim Landessozialgericht Berlin-Brandenburg Klage einreichen, sagte Gassen. Er erwarte zudem vom Bundesgesundheitsministerium (BMG), dass es als Rechtsaufsicht den Beschluss beanstandet. Ob da was passiere, bleibe allerdings abzuwarten.
Mit Blick auf die für Ende März angekündigten Sparvorschläge der vom BMG eingesetzten Finanzkommission sagte Gassen, „wenn es neben der schon bestehenden Budgetierung der Fachärzte weitere Reduktionen geben sollte, dann werden wir dafür sorgen, dass das Terminangebot bei den Fachärzten auf das Maß zurückgeführt wird, für das eine Finanzierung da ist“. Möglich seien entsprechende Änderungen in der Honorarverteilung. KBV und Kassenärztliche Vereinigungen würden nicht tatenlos zusehen, „wie weitere Honorareinbußen vorgenommen werden und gleichzeitig ein Mehr an Arbeit, schnellere Termine und vielerlei Wunschgedanken mehr formuliert werden“.
Circa 40 Millionen unbezahlte Facharzttermine
Gassen wies darauf hin, dass die Fachärzte rund 15 Prozent ihrer Leistungen nicht bezahlt bekämen. Das seien circa 40 Millionen unbezahlte Termine. Sollte es weitere Kürzungen geben, würden diese unbezahlten Termine wegfallen, warnte der KBV-Chef und fügte hinzu: „Und da kann sich jeder leicht ausrechnen, dass das sicherlich nicht zur Beschleunigung der Terminvergabe bei Fachärzten beiträgt.“
Die Budgetabsenkung bei den Psychotherapeuten bedeutet laut Gassen in der Konsequenz das Gleiche. Die Psychotherapeuten seien in den vergangenen Jahren aufgefordert worden, verschiedene Neuerungen wie die offene Sprechstunde und die Akutsprechstunden umzusetzen. Und jetzt heiße es: „Es ist schön, dass ihr das gemacht habt und dafür wird jetzt erst mal die Vergütung um 4,5 Prozent reduziert.“ Gassen geht davon, dass die Psychotherapeuten weitere Protestmaßnahmen ergreifen werden. Es könne keiner ernsthaft annehmen, „dass eine Berufsgruppe, der man 4,5 Prozent des Honorars wegnimmt, so weiterarbeitet wie bisher oder gar mehr macht“.
Versicherungsfremde Leistungen sind wesentliches Problem
Auf die Finanzlage der gesetzlichen Krankenversicherung angesprochen, sagte Gassen, „ein wesentliches Problem sind die versicherungsfremden Leistungen“ und hier insbesondere die Finanzierung der Gesundheitsleistungen für ALG-II-Empfänger. Deshalb sei es umso schockierender, wenn Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas schon bevor die Vorschläge der Finanzkommission auf dem Tisch liegen, sage, dass das kein Thema sei, was interessiere. Gassen: „Das sind 45 Milliarden. Das ist ein Mehrfaches des Finanzlochs der gesetzlichen Krankenversicherung.“
Notwendig sei außerdem eine vernünftige Krankenhausreform. „Diese Chance ist offenkundig vertan worden“, bemerkte der Vorstandsvorsitzende. Erhebliche Ressourcen könnten zudem durch den Abbau unnötiger Bürokratie freigesetzt werden. Hierbei gehe es um über mehrere hundert Millionen allein durch unsinnige Verwaltungsvorgänge. Man müsse auch darüber nachdenken, ob es noch ein unbegrenztes Leistungsversprechen geben könne, wenn Geld nur in begrenztem Umfang da sei. „Und wir werden eine Diskussion in der Gesellschaft führen müssen, ob auch medizinische Innovationen wie bisher direkt Zugang in die Versorgung auch gesetzlich versicherter Patienten bekommen sollen“, sage er. „Ärztlicherseits befürworten wir das natürlich.“ Das gehe aber nicht zum Nulltarif.
Die von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken eingesetzte Finanzkommission soll bis Ende März einen Bericht mit kurzfristig wirksamen Maßnahmen vorlegen, um das Milliardendefizit in der gesetzlichen Krankenversicherung auszugleichen. Ein zweiter Bericht soll dann bis Dezember vorgelegt werden und mögliche Strukturreformen aufzeigen, mit denen das Ausgabenwachstum mittel- bis langfristig reduziert werden kann.