- Ort: Französischer Dom, Berlin
70 Jahre Selbstverwaltung Festveranstaltung der KBV und KZBV
Begrüßungsrede von Dr. Andreas Gassen
Sehr geehrte Abgeordnete des Deutschen Bundestages,
sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der Selbstverwaltung und der Verbände,
meine Damen und Herren,
liebe Gäste!
Herzlich willkommen hier im Französischen Dom zu Berlin anlässlich des gemeinsamen Festaktes der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung zu 70 Jahren Selbstverwaltung!
Ich könnte mir vorstellen, dass der eine oder die andere von Ihnen vielleicht mit Gedanken wie diesen heute hierhergekommen ist: „Schon wieder ein Jubiläum einer in die Jahre gekommenen Institution, mit erwartbaren höflichen Respektsbekundungen und gegenseitiger Selbstvergewisserung. Immerhin gibt es nachher was zu essen.“
Wenn ich in Ihre Gesichter schaue, habe ich den Eindruck, eine Überraschung ist uns mit unserem Eingangsfilm gelungen: mit der unkonventionellen und wahrscheinlich eher unerwarteten Analogie zu 70 Jahre Disneyland. Bevor Sie jetzt aber Ihre Mickey-Maus-Ohren aufsetzen, möchte ich betonen: Das Gesundheitswesen ist kein Freizeitpark.
Aber: Es gibt tatsächlich mehr Gemeinsamkeiten, als man auf den ersten Blick denken mag. Wussten Sie zum Beispiel, dass auch die Region um den Disneypark in Florida schon seit Jahrzehnten einen Selbstverwaltungsstatus hat? Allerdings wurde dieser vor kurzem durch den republikanischen Gouverneur von Florida eingeschränkt, weil die regionale Selbstverwaltung ein neues Gesetz des Bundesstaates kritisiert hatte. Auf eine solche Idee würde in Bezug auf unsere Selbstverwaltung natürlich niemand kommen – zumindest habe ich das vor einigen Jahren tatsächlich noch geglaubt. Politische Eingriffe in die autonome Gestaltungsfreiheit – das kennen wir leider auch in der ärztlichen Selbstverwaltung, gerade in der jüngeren Vergangenheit.
Zweite Gemeinsamkeit: Disneyland gilt als der Archetyp des modernen Themenparks, oft kopiert und nie erreicht. Auch das Modell der ärztlichen Selbstverwaltung ist in dieser Form ziemlich einmalig und offenkundig nicht „von gestern“, denn es gibt immer wieder Länder, die Interesse daran zeigen, dieses Modell zu adaptieren. Kein Wunder, denn eigentlich ist es ein bestechendes politisches Konzept: Die Selbstverwaltung entlastet den Staat im Sinne der Subsidiarität; sie ist nah dran an den Menschen und Themen, für die sie zuständig ist und bietet dadurch eine besondere Expertise. Und sie genießt durch Wahlen derer, die sie vertritt, ein hohes Maß an demokratischer Legitimation.
Auch aus gesellschaftlicher Sicht spricht sehr viel dafür, so grundlegende und relevante Dinge wie die Gesundheitsversorgung weder ausschließlich dem freien Markt noch zentralstaatlicher Organisation zu überlassen. Auf der einen Seite sorgen die Kassenärztlichen und Kassenzahnärztlichen Vereinigungen mit ihrer regulierenden Tätigkeit für gleiche Werte und Standards in der Versorgung, statt sie dem freien Spiel des Marktes zu überlassen. Auf der anderen Seite bilden sie eine Art Schutzwall gegen ideologieanfällige Parteipolitik in den Gezeiten von Regierungslegislaturen.
Das Letzteres nicht zu allen Zeiten gegolten hat, wissen wir hier alle. Im sogenannten Dritten Reich hat die damalige Kassenärztliche Vereinigung Deutschlands, die KVD, sich in vorauseilendem Gehorsam selbst dem Nazi-Regime untergeordnet und damit zur willfährigen Erfüllungsgehilfin einer rassistischen und faschistischen Ideologie gemacht. Sie sorgte dafür, dass jüdische Ärztinnen und Ärzte keine Kassenzulassung mehr erhielten und später gar keine Patienten mehr behandeln durften. Die ärztliche „Interessenvertretung“ wandte sich damit gegen die eigenen Mitglieder, entzog ihnen die Existenzgrundlage und trieb Tausende von ihnen ins Exil oder am Ende in den Tod. Während diese Ärztinnen und Ärzte selbst Opfer waren, wurden ungezählte andere zu Täterinnen und Tätern. Sei es, indem sie sich auf Kosten ihrer entrechteten Kolleginnen und Kollegen bereicherten, indem sie als Ärzte in Internierungslagern arbeiteten oder den systematischen Massenmord an kranken und behinderten Menschen unterstützten und vollzogen.
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung als Rechtsnachfolgerin der KVD hat diese schreckliche Vergangenheit wissenschaftlich aufarbeiten lassen und die Ergebnisse vergangenes Jahr in Form einer Wanderausstellung mit dem Titel „Systemerkrankung. Arzt und Patient im Nationalsozialismus“ sowie einer dazugehörigen Website der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dabei wollen wir es jedoch nicht belassen. Die umfangreichen Akten und historischen Dokumente sollen kein zweites Mal hinter Archivtüren verschwinden, sondern wir wollen sie für weitere Forschungen zugänglich machen. Es geht dabei nicht um bloße Vergangenheitsbewältigung dieses dunkelsten Kapitels der Selbstverwaltung. Die Tatsache, dass ärztliche Funktionäre und Juristen der Selbstverwaltung, dass ihre Mitarbeitenden und Mitglieder sich durch ihr aktives Handeln – oder auch Nichthandeln – schuldig gemacht haben, passierte nicht von heute auf morgen. Es war ein schleichender Prozess, zumindest in den Anfängen. Das müssen wir uns immer wieder vergegenwärtigen. Grade in Zeiten wie diesen, in denen Orchester nicht auftreten dürfen, weil sie einen jüdischen Dirigenten haben, oder in Flensburg in einem Laden ein Schild hängt mit der Aufschrift „Juden haben Hausverbot“. Vor unserem geschichtlichen Hintergrund und angesichts unserer gesellschaftlichen Verantwortung als Ärztinnen und Ärzte, Zahnärztinnen und Zahnärzte sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten erachten wir eine starke und unabhängige Selbstverwaltung heute als wesentliches Element einer gelebten und wehrhaften Demokratie.
Lassen Sie mich noch kurz bei der Historie bleiben und einen zeitlichen Sprung machen: Nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten wurde das vertragsärztliche System und damit die Kassenärztlichen Vereinigungen in kurzer Zeit auch in den neuen Bundesländern etabliert. Im Laufe des Jahres 1990 bauten Ärztinnen und Ärzte aus Ost und West gemeinsam mit viel Engagement und Pioniergeist die Kassenärztlichen Vereinigungen auf – obwohl es dafür noch keine gesetzliche Grundlage gab. Diese kam erst mit dem Einigungsvertrag, in dem stand, dass, „die Niederlassung in freier Praxis mit dem Ziel zu fördern ist, dass der freiberuflich tätige Arzt maßgeblicher Träger der ambulanten Versorgung wird“.
Das Tempo und die Rigorosität, mit der die DDR-Polikliniken damals zugunsten selbstständiger Praxen abgewickelt wurden, hat viele erstaunt. Andere, die dabei waren und den Aufbau der Kassenärztlichen Vereinigungen in den neuen Bundesländern aktiv unterstützten, berichten von einem regelrechten Massenansturm der Kolleginnen und Kollegen in die Niederlassung. Die Freiberuflichkeit hatte eine große Anziehungskraft. Horst Seehofer, ab 1992 Bundesgesundheitsminister, bezeichnete die Umgestaltung des ostdeutschen Gesundheitswesens später als eine der größten Leistungen der deutschen Sozialgeschichte. Leider waren die dann unter ihm erfolgten gesundheitspolitischen Weichenstellungen in der Folgezeit nicht hilfreich. Denn schon 1992 kamen das Globalbudget und diverse Kostendämpfungsgesetze für die ambulante Versorgung. Dieser Dauerrabatt wird den Praxen weiterhin abgezogen – in Summe mittlerweile ein hoher zweistelliger Milliardenbetrag an nicht gezahlten Honoraren –, vielleicht in der neuen Diktion auch eine Art Sondervermögen.
1999 wurden die Psychologischen Psychotherapeuten und die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in die vertragsärztliche Versorgung und damit in die Selbstverwaltung der Kassenärztlichen Vereinigungen integriert. Das Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung brachte 2005 einschneidende Veränderungen für die Organisation der KVen; unter anderem die Fusion damaliger regionaler KVen, die weniger als 10.000 Mitglieder hatten, sowie die Hauptamtlichkeit der Vorstände.
Aber ich will Sie nicht mit weiteren historischen Daten ermüden. Ich will aber festhalten: Was wir über die Jahrzehnte und insbesondere in der jüngeren Vergangenheit beobachten, ist eine stetige und ungesunde Zunahme an Reglementierung und Regulierung in der vertragsärztlichen und vertragspsychotherapeutischen Versorgung und damit der Selbstverwaltung. Greifbar im wahrsten Sinne des Wortes wird dies in Form eines stetig im Umfang gewachsenen und mittlerweile völlig aufgeblähten Fünften Sozialgesetzbuches.
Natürlich sind wir als Körperschaften an der auch von den Praxen gefühlten übermäßigen „Kontrollitis“ nicht unbeteiligt, im Gegenteil. Der Grund ist aber, dass wir letztendlich umsetzen müssen, was Politik uns vorgibt. Und diese Vorgaben werden immer kleinteiliger, so dass das entscheidende Wörtchen „Selbst“ in Selbstverwaltung immer mehr zur Makulatur wird.
Immerhin: Der spürbare Abbau überbordender Bürokratie ist zumindest ein Ziel, das sich die Bundesregierung aktuell auf die Fahne geschrieben hat. Das Bundesgesundheitsministerium arbeitet diesbezüglich nach eigener Aussage an einem „großen Wurf“ für das Gesundheitswesen und hat uns als KBV hierbei um Unterstützung gebeten. Wir werden unsere Hausaufgaben machen und in freudiger Erwartung gerne unseren Teil dazu beitragen. Und in diesem Sinne lautet mein Appell an die Politik und insbesondere an Bundesgesundheitsministerin Warken: Geben Sie uns die Freiheit zurück, die wir brauchen. Das Prinzip der Selbstverwaltung ist ein Ausdruck des Vertrauens der Politik in die Kräfte der Selbstregulierung – aber es ist auch ein Versprechen, diesen freie Hand zu lassen! Wir brauchen wieder ein klares politisches Bekenntnis zur Selbstverwaltung und ein gemeinsames Verständnis, dass gesetzliche Regelungen zurückhaltend ausgestaltet sein müssen, damit die Selbstverwaltung ihre Stärke entfalten und wirken lassen kann. Denn wir wollen eben nicht nur verwalten, sondern Versorgung gestalten – mit Lösungen, die im wahrsten Sinne des Wortes praxis- und patientennah und nicht am politischen Reißbrett entstanden sind. Wir sind die Experten für Versorgung!
Nicht zuletzt die Erfahrungen der Corona-Pandemie haben die Bedeutung und die Handlungsfähigkeit der Selbstverwaltung und der ambulanten Versorgung mit vielen selbstständigen Praxen in der Fläche eindrucksvoll vor Augen geführt. Und wenn wir heute wieder – in anderem Kontext – davon sprechen, dass Deutschland krisenresilient werden muss, dann sind es diese unabhängigen und selbstverwalteten Strukturen, die einen wesentlichen Beitrag hierzu leisten können.
Ich habe vorhin aus dem deutsch-deutschen Einigungsvertrag zitiert, in dem die Praxen und freiberuflichen Ärztinnen und Ärzte als maßgebliche Träger der ambulanten Versorgung definiert sind. Das, meine Damen und Herren, gilt bis heute unverändert, trotz diverser politischer Zentralisierungsbestrebungen und gesetzgeberischer Eingriffe. Die sprichwörtliche Praxis um die Ecke ist für die Menschen ein hohes Gut, das hierzulande zur gesellschaftlichen Grundausstattung gehört, und das wohl niemand missen möchten – trotz Einsicht in den an der einen oder anderen Stelle notwendigen Reformbedarf im Gesundheitswesen. In der aktuellen gesundheitspolitischen Debatte ist fast immer von den Krankenhäusern die Rede – aber der tagtägliche Löwenanteil der Versorgung findet in den Praxen der Niedergelassen statt! Das sollten die politisch Verantwortlichen nie aus dem Blick verlieren.
Meine Damen und Herren, ich komme zum Schluss und habe noch eine weitere Analogie zwischen der Selbstverwaltung und dem Bild des Freizeitparks: Damit die Menschen die dort angebotenen Attraktionen ohne Einschränkungen genießen und nutzen können, bedarf es hinter den Kulissen einer reibungslosen und komplexen Organisation. Im Disneyland können Sie zum Beispiel auch spezielle Slots gegen Gebühr buchen, um einige Attraktionen schneller nutzen zu können. Gar keine schlechte Idee, oder?
In der ambulanten Versorgung kümmern wir uns um reibungslose Abläufe. Dass das immer schwieriger wird und das Räderwerk an der einen oder anderen Stelle auch einmal stockt, lässt sich nicht leugnen. Aber es ist eben schwierig zu schwimmen, wenn einem die Hände gebunden sind. Umso mehr hoffen wir auf den Willen der Politik und nicht zuletzt der zuständigen Ministerin, dass sie den Stellenwert der Selbstverwaltung anerkennt und uns nicht nur pro forma anhört, sondern als das begreift, was wir sein können und wollen, wenn man uns nur lässt: die Experten für Gesundheit und Garanten einer am Gemeinwohl orientierten Versorgung. Salopp gesagt: Wir sind nicht der Bremsklotz im System, keine bloßen „Lobbyisten“ – wir wollen helfen, denn das ist unser Auftrag. Man muss uns nur lassen.
Übrigens: In Disneyland gibt es auch ein „Tomorrowland“. Ich bin überzeugt, dass die Selbstverwaltung kein Konzept „von gestern“ ist, trotz ihrer 70 Jahre. Natürlich müssen wir uns auch selbstkritische Fragen stellen, etwa im Hinblick darauf, wie wir den ärztlichen, zahnärztlichen und psychotherapeutischen Nachwuchs nicht nur für die Niederlassung, sondern auch für berufspolitisches Engagement gewinnen können, damit die Selbstverwaltung lebendig bleibt. Voraussetzung hierfür ist, dass die Niederlassung eine attraktive Form der Berufsausübung bleibt oder wieder wird, neben und im Einklang mit anderen Formen dessen, was wir unter einer freien Berufsausübung verstehen, wie etwa den angestellten Kolleginnen und Kollegen in Praxen und Medizinischen Versorgungszentren. Das Prinzip der unabhängigen Berufsausübung ist nicht nur die Basis des notwendigen Vertrauensverhältnisses zwischen Arzt oder Ärztin und Patient oder Patientin – es ist grundlegend für eine freie Gesellschaft.
Zusammengefasst: Wir können Zukunft und wir haben den Anspruch, diese mitzugestalten. Denn niemand ist so nah dran wie wir. Insofern setzen wir auf die Politik als „Möglichmacher“, der gemeinsam mit uns ein Gesundheitswesen gestaltet, auf das sich die Menschen auch in den kommenden Jahrzehnten verlassen können.
Vielen Dank
(Es gilt das gesprochene Wort.)
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70 Jahre Selbstverwaltung -
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Tino Sorge: Selbstverwaltung ist Erfolgsmodell mit Zukunft -
David Ausserhofer(v.l.n.r.): Dr. Sibylle Steiner (Vorstandsmitglied der KBV), Martin Hendges (Vorstandsvorsitzender der KZBV), Dr. Stephan Hofmeister (stellvertretender Vorsitzender des KBV-Vorstands), Dr. Andreas Gassen (Vorsitzender des KBV-Vorstands) -
David Ausserhofer(v.l.n.r.): Dr. Sibylle Steiner (Vorstandsmitglied der KBV), Dr. Stephan Hofmeister (stellvertretender Vorsitzender des KBV-Vorstands), Dr. Andreas Gassen (Vorsitzender des KBV-Vorstands) -
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Impressionen der Festveranstaltung -
David Ausserhofer
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70 Jahre SelbstverwaltungWas haben Disneyland und die selbstverwaltete ambulante Versorgung gemeinsam? Sie feiern beide in diesem Jahr ihren 70. Geburtstag. Und sonst? Naja, auf den ersten Blick vielleicht nicht so viel. Mit ein bisschen Augenzwinkern gibt es aber durchaus einige Parallelen.
Textfassung des Videos
70 Jahre Disneyland. 70 Jahre selbstverwaltete ambulante Versorgung. Zwei hoch geschätzte Institutionen und sehr unterschiedlich. Aber auch eine Steilvorlage: Willkommen im Gesundheits-Disneyland!
Hier gibt's keine Zuckerwatte, kein Feuerwerk und keine Loopings. Aber jede Menge kluge Steuerung im Hintergrund. Und ein Gesundheitssystem, das nur deshalb nicht ständig aus der Kurve fliegt, weil die Selbstverwaltung am Steuer sitzt. Hier geht es nicht um Spaß und Vergnügen. Bei uns geht es um das gesundheitliche Wohl der Menschen.
Keine Extrabändchen oder Spezialtickets. Eine Gesundheitskarte reicht. Deine Karte gilt hier überall. Bei allen Ärzten, Zahnärzten und Psychotherapeuten. Egal bei welcher gesetzlichen Krankenkasse du bist, alle bekommen dieselbe Behandlung. Denn alle Behandelnden sind dank Kollektivvertrag Partner aller gesetzlichen Kassen. Ohne diese Regelung: Sorry, für diese Bahn gilt dein Ticket nicht.
Damit jede Bahn auch sicher fährt, braucht's regelmäßige Checks. Bei uns nennt man das Fortbildung und Nachweise. Alle Ärzte, Zahnärzte und Psychotherapeuten halten ihr Wissen ständig aktuell. Ohne das wärst du in der medizinischen Geisterbahn unterwegs. Mit veralteten Methoden, gefährlichen Irrwegen und ganz ohne Notausgang.
Die Fahrgeschäfte nur im Zentrum? Kein Karussell und keine Achterbahn an den Rändern unseres Parks? Nicht um uns. Ärzte, Zahnärzte und Psychotherapeuten sind da, wo Menschen leben. Auch auf dem Land. Auch nachts. Wer wird gebraucht? Wo wird's eng? Wer übernimmt Bereitschaft? Wir haben die Versorgung im Blick. Entwickeln Lösungen und setzen uns gegenüber der Politik dafür ein, dass die Rahmenbedingungen vor Ort stimmen. Ohne die Expertise und Gestaltungskraft der Selbstverwaltung? Breite Landstriche ohne Versorgung. Kein Bereitschaftsdienst. Keine Nummer zum Anrufen.
Und wer entscheidet, was im Park angeboten wird? Welche Fahrten? Welche Shows? Wir. Die Selbstverwaltung. Mit zielgenauen Konzepten für die Versorgung, praxisnah und auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft. Vertreter der Ärzte, Zahnärzte und Psychotherapeuten verhandeln mit der Politik, mit den Kassen, sitzen im gemeinsamen Bundesausschuss, damit der Leistungskatalog sich weiterentwickelt. Wie die Attraktionen im Freizeitpark, im Sinne der Bedarfe der Menschen. Ohne diese Stimme könnten andere bestimmen, was bleibt und was gestrichen wird. Und dann würde es heißen: Diese Behandlung ist derzeit außer Betrieb. Vielen Dank für Ihr Verständnis.
Die ambulante Versorgung ist natürlich kein Disneyland. Auch wenn sie für Ihre Besucher durchaus attraktiv ist. Aber sie ist ein System mit Struktur, Fairness, Planung und funktioniert dabei auch ohne Glitzer ziemlich gut.
Gesundheitsminister kommen und gehen. Die Selbstverwaltung bleibt. Seit 70 Jahren. Damit unsere Erfolgsgeschichte weitergehen kann, brauchen wir weder Zuckerwatte noch Feuerwerk. Aber die richtigen politischen Rahmenbedingungen. -
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Tino Sorge: Selbstverwaltung ist Erfolgsmodell mit ZukunftIn seiner Rede anlässlich der Festveranstaltung würdigt Tino Sorge, parlamentarischer Staatssekretär im BMG, die Leistungen der ärztlichen und zahnärztlichen Selbstverwaltung. Er blickt auf die historische Entwicklung, betont die Bedeutung der Zusammenarbeit mit der Politik und unterstreicht die Rolle der Selbstverwaltung als tragende Säule einer funktionierenden Gesundheitsversorgung – damals wie heute.
Textfassung des Videos
Lieber Andreas Gassen, lieber Martin Hendges, ganz, ganz herzlichen Dank für die Einladung, die ja eigentlich nicht explizit, zumindest im Kontext der Rede, an mich gegangen ist. Ich weiß, Sie hätten hier viel lieber Nina Warken, die Bundesgesundheitsministerin, stehen sehen. Ich darf Sie ganz herzlich von ihr grüßen, es war ihr leider nicht möglich, auch wenn sie es gern gewollt hätte, heute Abend hier bei Ihnen zu sein.
Ich habe ja schon so ein bisschen der Presse entnehmen können, dass der Vormittag sehr erfolgreich war, also nicht nur die Vergleiche zu Disneyland, die sicherlich treffend sind. Man überlegt sich ja, 70 Jahre Jubiläum, was erzählt man, insbesondere wenn man weiß, dass es danach nicht nur gute Gespräche, sondern auch noch gutes Essen gibt. Also da sollte es dann auch nicht zu lang werden. Aber das, was Sie können, die KBV und die KZBV, ist natürlich, Menschen zusammenzuholen. Und gerade bei einem 70-jährigen Jubiläum, Andreas Gassen hat gerade auf eine 70-jährige Ehe hingewiesen. Ich hätte ja die Analogie gemacht, wie fühlt sich eine 70-Jährige oder ein 70-Jähriger. Also früher hätte man noch gesagt, naja, alles ein bisschen schwierig, multimorbide und man freut sich, dass der Tag, nicht ganz so schlimm endet oder beginnt. Aber heute ist es ja eher so, teilweise auch durch Sie, die Ärztinnen und Ärzte, Zahnärztinnen und Zahnärzte, dass die 70-Jährigen mittlerweile die Best-Ager sind, also diejenigen die mitten im Leben stehen, diejenigen, die im Grunde nicht nur Wertschöpfung generieren, sondern tatsächlich in den besten Lebensjahren sind. Und deshalb will ich den Dank auch damit verbinden, nicht nur weil die KBV, die KZBV in den besten Jahren sind, sondern auch der Dank, dass sie die Selbstverwaltung auch in den letzten Jahren gemeinsam mit uns, mit der Politik vorangebracht haben.
Ich weiß, ich habe jetzt hier in meiner Rede viele Dinge stehen, also was in den letzten Jahren Gutes gemacht worden ist, auch viele Dinge, die wir vielleicht hätten besser machen können. Aber das, was ich Ihnen hier allen auch nochmal sagen will, ist, dass wir natürlich das Thema Selbstverwaltung nicht nur ernst nehmen, sondern sehr, sehr schätzen. Und ich konnte ja der Presse schon entnehmen, Andreas Gassen hat ja zu Recht darauf hingewiesen, dass manchmal schon der Eindruck entstehen kann, dass eine gewisse Gängelei durch die Politik im Bereich der Selbstverwaltung gegeben ist. Also ich will dem Eindruck heute Abend entgegenwirken, das ist jetzt nicht die Intention, zumindest nicht der neuen Bundesregierung, sie perspektivisch zu gängeln, sondern es geht letztendlich wirklich darum, dass wir Selbstverwaltung, Ihren gesetzlichen Auftrag mit unterstützen, weil in vielen Bereichen Selbstverwaltung ja Politik sinnvollerweise Aufgaben abnimmt. Und Selbstverwaltung ist ein Erfolgsmodell, auch international werden wir darum beneidet, weil es in der Natur der Sache liegt, dass die Akteurinnen und Akteure, Sie, im Grunde häufig viel, viel besser wissen, was gut und was machbar ist.
Vielleicht noch ein Wort zu Ihrem Jubiläum. Es ist insofern ganz gut, dass Sie den Termin ja verschoben haben. Ursprünglich war der ja viel früher geplant, für Januar, glaube ich. Da kam dann eine Bundestagswahl dazwischen und wenn man mal ein bisschen in die Historie guckt, ist das gar nicht so verkehrt, dass Sie den Termin jetzt verschoben haben. Weil die Selbstverwaltungen damals im Gesetz über das Kassenarztrecht ja als Körperschaften des öffentlichen Rechts aus der Taufe gehoben worden sind, nämlich am 19. August 1955 im Bundesgesetzblatt. Das heißt, hätten Sie im Januar gefeiert, wären Sie ja noch gar nicht 70 Jahre gewesen, sondern Sie sind es jetzt erst, deshalb können wir heute richtig feiern.
Das Spannende ist ja, das ist dann immer ein bisschen interessanter, wenn man die Zeit auch findet, mal so bisschen historisch sich zu belesen, sind ja die Protokolle. Also wenn man reinschaut in die Protokolle des damaligen Deutschen Bundestages, da stehen viele Debatten teilweise genauso drin, wie wir sie momentan führen. Also ich habe mal nachgeschlagen, da wurde seinerzeit kontrovers diskutiert, ob und unter welchen Voraussetzungen leitende Krankenhausärzte an der kassenärztlichen Versorgung teilnehmen sollten. Da wurde damals schon die Befürchtung geäußert, dass das Recht für Klinikärzte, ambulante Leistungen zu erbringen, zulasten der Gesamtvergütung der Ärzteschaft gehen würde. Auch über das Für und Wider von Einzelleistungen und Pauschalen wurde bereits vor 70 Jahren gestritten. Es gab Sorgen, dass die ärztliche Honorarsteigerung zu einer Überlastung der Krankenversicherungen und zu einer Einschränkung von Leistungen für Versicherte führen könnte. Also Sie sehen, alle diese Punkte sind uns heute sehr vertraut, die waren damals auch schon in der Diskussion. Und das ist einerseits beruhigend, weil man sieht, dass die Diskussionen auch zu einer lebendigen Demokratie dazugehören. Und zu einer lebendigen Demokratie gehört selbstverständlich auch die Selbstverwaltung und damit Sie, liebe Damen und Herren.
Wir haben als Politik, und das will ich hier auch ganz offen sagen, stellvertretend für alle, Ihnen zu danken. Ich will das mal machen, Herr Gassen, Herr Hendges, Ihr Team haben in den letzten Jahren an vielen Stellen nicht nur sinnvolle Anregungen gegeben, sondern auch zu Recht den Auftrag, den Sie ja einerseits haben, einerseits Sicherstellung der Versorgung, aber andererseits auch die entsprechenden Interessen auch Ihrer Kolleginnen und Kollegen gegenüber der Politik durchzusetzen, sehr gut erfüllt. Dafür auch nochmal ganz, ganz herzliches Dankeschön.
Ich hatte es eingangs erwähnt, es ist tatsächlich so, dass einerseits nicht nur die Gesetze oder das Kassenarztrecht von 1955 die Geburtsstunde der heutigen Kassenärztlichen Vereinigung und Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung war, sondern sie begründete auch die wichtigste gesetzliche Aufgabe, nämlich die Sicherstellung der Kassenärztlichen und Kassenzahnärztlichen Versorgung. Und das ist ja, das sage ich auch als Jurist mal ganz klar, vom Bundessozialgericht festgestellt worden, dass eben die Sicherstellung der Versorgung als Gemeinwohlbelangen von erheblichem Gewicht eingeschätzt worden ist. Wer will da widersprechen? Also dafür auch nochmal ganz herzlichen Dank.
Ich könnte jetzt noch sehr, sehr lange referieren. Man kann ja bei solchen Jubiläen immer sehr schön zurückschauen. Wir könnten darüber sprechen, dass durch das Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung auch die Hauptamtlichkeit der Vorstände ein Meilenstein war. Es ging im Rahmen dessen aber auch um die Übertragung zusätzlicher Zuständigkeiten und Kompetenzen, beispielsweise die Mitwirkung an der Festlegung der medizinisch bzw. zahnmedizinisch notwendigen Versorgung im gemeinsamen Bundesausschuss, Gewährleistung der Fortbildungspflichten der Vertragszahnärzteschaft, Etablierung von Regelungen und Selbstverpflichtung zur Qualitätssicherung. Also eine Menge an Aufgaben, die Sie zusätzlich übernommen haben. Ich sehe auch Herrn von Stillfried vom Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung. Das ist auch noch einmal herauszuheben, dass Sie auch in dem Bereich wichtige Beiträge insbesondere zur Versorgungsforschung geleistet haben.
Ich will jetzt auch nicht so viel über Prävention sprechen, all das, wir auch im Täglichen viel, viel besser leben müssen. Ich will auch nicht zu sehr ins Detail gehen, aber will noch darauf hinweisen, dass wir natürlich auch im Verhältnis Bundesgesundheitsministerium als Rechtsaufsicht über KBV und KZBV durchaus auch stürmische Zeiten erlebt haben. Ich kann mich erinnern, als ich 2013 in den Bundestag gewählt wurde, 2017 mit dem Selbstverwaltungsstärkungsgesetz. Es gab schon erhebliche Diskussionen. Ich bin dankbar, dass wir das letztendlich zwar kontrovers, aber gemeinsam hinbekommen haben. Ich will auch nicht verhehlen, dass ich persönlich überhaupt nichts gegen kontroverse Diskussionen habe. Ich habe auch überhaupt kein Problem damit, dass wir bei den Diskussionen innerhalb und auch außerhalb der jeweiligen Berufsgruppen, Stichwort Apothekertag, auch über Vorschläge streiten. Ich habe ja mitbekommen, dass einerseits bei den Apothekern nicht alle Regelungen, die intendiert sind, auf wahnsinnige Begeisterungsstürme getroffen haben. Ich habe auch mitbekommen, dass natürlich das Thema, was sollen die jeweiligen Berufsgruppen auch machen können, bei den Ärzten nicht auf Begeisterungsstürme getroffen hat. Alles in allem vielen Dank für das konstruktive Ringen. Ich bin auch da sehr dankbar, dass Sie uns als Politik immer begleiten. Sie wissen, wir haben mit den strukturellen Reformen eine ganze Menge an Diskussionen noch vor uns. Wir sollten da auch offen miteinander sprechen, also keine Denkverbote haben. Wir stehen als Bundesgesundheitsministerium auf der einen Seite, auf der anderen Seite natürlich auch mit den Kolleginnen aus dem Parlament, ich sehe ja einzelne, Hans Theiss beispielsweise, Hendrik Streeck auch, natürlich immer im Dialog, auch in der Bereitschaft, Dinge immer noch besser zu machen. Und insofern möchte ich Sie nur auffordern, auch bei den Themen Primärarztversorgungssystem, auch strukturelle Reform innerhalb der GKV gerne immer konstruktiv, auch streitig mit uns um beste Lösungen zu ringen. Das möchte ich Ihnen hier gerne auch noch mal als Signal mitgeben. Freue mich jetzt auf viele gute Gespräche, bin dankbar, dass ich nicht die letzte Bremse vorm Buffet bin. Das wird jetzt Herr Hendges übernehmen. Und danke noch mal für Ihre Aufmerksamkeit. Vielen Dank. -
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(v.l.n.r.): Dr. Sibylle Steiner (Vorstandsmitglied der KBV), Martin Hendges (Vorstandsvorsitzender der KZBV), Dr. Stephan Hofmeister (stellvertretender Vorsitzender des KBV-Vorstands), Dr. Andreas Gassen (Vorsitzender des KBV-Vorstands) -
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(v.l.n.r.): Dr. Sibylle Steiner (Vorstandsmitglied der KBV), Dr. Stephan Hofmeister (stellvertretender Vorsitzender des KBV-Vorstands), Dr. Andreas Gassen (Vorsitzender des KBV-Vorstands) -
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Impressionen der FestveranstaltungEin Blick zurück und einer nach vorn: Die Kassenärztliche und die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung feiern das 70-jähriges Bestehen der Selbstverwaltung. Bei der Festveranstaltung im Französischen Dom ging es um die Rolle der Selbstverwaltung sowie der ambulanten Versorgung sowie um die Herausforderungen der Zukunft.
Textfassung des Videos
Dr. Julia Fischer, Moderatorin: Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste, ganz herzlich Willkommen zu unserer Jubiläumsveranstaltung "70 Jahre Kassenärztliche Bundesvereinigung und 70 Jahre Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung".
Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV: Wir brauchen aber ein klares politisches Bekenntnis zur Selbstverwaltung und wir brauchen ein gemeinsames Verständnis, dass gesetzliche Regelungen zurückhaltend gestaltet sein müssen, damit Selbstverwaltung ihre Stärke entfalten und wirken lassen kann. Denn wir wollen eben nicht nur verwalten, auch wenn das für viele Mitglieder so wahrgenommen ist, sondern wir wollen Versorgung gestalten mit Lösungen, die im wahrsten Sinne des Wortes praxis- und patientennah sind und nicht am Reißbrett entstanden sind. Denn wir sind die Experten für Versorgung.
Martin Hendges, Vorstandsvorsitzender der KZBV: Es bedurfte keines gesetzlichen Auftrags. Vielmehr konnten wir der Politik von der Bedeutung unserer Konzepte konnten wir sie überzeugen, sodass dann in der Folge der gesetzliche Rahmen, und so sollte es ja sein, für die Umsetzung geschaffen wurde. Und genau das zeigt aus meiner Sicht die Stärke und das Alleinstellungsmerkmal der Selbstverwaltung. Wir verstehen uns eben weniger als Verwalter, sondern viel, viel mehr als Gestalter. -
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