Digitalisierung Chancen nutzen, Hürden abbauen
Die rund 100.000 Arzt- und Psychotherapeutenpraxen in Deutschland mit rund 780.000 Beschäftigten sind das mit Abstand am stärksten digitalisierte Segment des Gesundheitswesens. Und Digitalisierung bietet große Chancen für die Versorgung.
Dafür braucht es einen klaren Fokus: funktionierende Technik, praxistaugliche Anwendungen und eine konsequente Ausrichtung an der medizinischen Versorgung. Nur so kann Digitalisierung die Praxen entlasten und die Versorgung nachhaltig verbessern.
Praxen als Vorreiter
Die Vorreiterrolle der Niedergelassenen bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen zeigt das jährliche PraxisBarometer Digitalisierung der KBV – die Zahlen sprechen für sich:
- 87 Prozent der Praxen nutzen den elektronischen Arztbrief (eArztbrief) regelmäßig – 2018 waren es noch 13 Prozent
- 78 Prozent der Praxen, die die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) im Alltag einsetzen, sind damit zufrieden
- 77 Prozent der Praxen bewerten das eRezept positiv – 2024 waren es noch 63 Prozent
- Mehr als 77 Millionen Dokumente wurden bislang in die ePA hochgeladen – davon stammen 99,5 Prozent aus dem ambulanten Bereich
- Über 90 Prozent der Arztpraxen nutzen die ePA, obwohl technische Unzulänglichkeiten den Alltag noch immer belasten
Die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen sind und bleiben Vorreiter in Sachen Digitalisierung. Digital ist im Praxisalltag längst keine Ausnahme mehr, sondern wird immer mehr zur Selbstverständlichkeit.
Das fordert die KBV
- Ärztliche und psychotherapeutische Expertise
- Stabile TI und Nutzerzentrierung
- Praxiszukunftsgesetz
- Anreize statt Sanktionen
- Vernetzung in allen Gesundheitsbereichen
Technik hält Anspruch nicht stand
Die Digitalisierung der ambulanten Versorgung braucht mehr als guten Willen – sie benötigt die richtigen Rahmenbedingungen. Obwohl der Einsatz der Praxen enorm ist, bleibt die digitale Infrastruktur hinter den Erwartungen zurück. Die Folgen sind unsichtbare Mehrarbeit, verlorene Ressourcen und wachsende Frustration.
Mehr als die Hälfte der Praxen meldet tägliche oder wöchentliche Störungen der Telematikinfrastruktur (TI). Die TI ist ein geschlossenes, sicheres digitales Netzwerk im deutschen Gesundheitswesen, das Ärzte, Apotheken, Krankenhäuser und Krankenkassen miteinander verbindet – quasi eine Art Datenautobahn. Sie bildet die technische Grundlage für Anwendungen wie die elektronische Patientenakte (ePA) und das elektronische Rezept (eRezept).
Nur 12 Prozent der Praxen tauschen sich überwiegend digital mit Krankenhäusern aus. Dabei sehen 85 Prozent der Praxen hohen Nutzen in digitalen Entlassbriefen – aber nur 15 Prozent erhalten diese tatsächlich digital. 90 Prozent der Praxen ärgern sich über die fehlende Volltextsuche in der ePA. Die ambulante Versorgung ist eine digitale Oase in einer rundherum noch weitgehend analogen Welt. Solange Krankenhäuser, Krankenkassen und andere Akteure nicht aufschließen, bleibt ein echter sektorenübergreifender Nutzen aus.
Die ePA muss ihr Potenzial endlich entfalten
Die elektronische Patientenakte ist das zentrale Element einer digitalen Versorgung. Alle Praxen sollen jederzeit auf medizinisch relevante Informationen aus allen Sektoren zugreifen können. Doch das geht nur, wenn die ePA reibungslos funktioniert.
Die KBV fordert für die ePA mehr Benutzerfreundlichkeit, vollständige Integration in die Praxisverwaltungssysteme (PVS), Anreize statt Sanktionen bei der Weiterentwicklung – und den konsequenten Schutz sensibler Patientendaten. Krankenkassen und Dritte dürfen keinen Zugriff erhalten. Die ePA darf kein Instrument für Kasseninteressen werden.
Damit der sektorenübergreifende Austausch mit der ePA gelingt, müssen alle Akteure mitmachen. Hier gibt es eine eklatante Schieflage, die den Sinn einer sektorenübergreifenden Akte untergräbt.
Austausch mit Krankenhäusern noch zu gering
Auf ein im Krankenhaus hochgeladenes ePA-Dokument kommen heute 187 aus Arztpraxen. Nur 12 Prozent der Praxen tauschen sich überwiegend digital mit Krankenhäusern aus. Dabei sehen 85 Prozent der Praxen hohen Nutzen in digitalen Entlassbriefen – aber nur 15 Prozent erhalten diese tatsächlich digital. Die ambulante Versorgung ist eine digitale Oase in einer rundherum noch weitgehend analogen Welt. Solange Krankenhäuser, Krankenkassen und andere Akteure nicht aufschließen und in vollem Umfang bei der Bereitstellung von Daten mitwirken, bleibt ein echter sektorenübergreifender Nutzen aus.
Während die Praxen längst digital kommunizieren, sind Krankenhäuser noch viel zu oft im Papierzeitalter verhaftet. Dieser doppelte Weg kostet Zeit, bindet Ressourcen und sorgt für wachsende Frustration.
116117: Bewährt, erprobt, zukunftsträchtig
Digitale Lösungen können helfen, Patientinnen und Patienten bedarfsgerecht in die richtige Versorgungsebene zu lenken. Bei der Online-Terminvermittlung hat sich die 116117 dabei als verlässliche Plattform bewährt: Über die Internetseite 116117-termine.de oder die 116117-App haben Patienten 2025 über eine Million Termine gebucht – erstmals mehr als telefonisch über die 116117.
Hinzu kommen fast 120.000 Termine, die Praxen für ihre Patientinnen und Patienten online gebucht haben. Die durchschnittliche Wartezeit auf einen vermittelten Facharzttermin lag bei 8,6 Tagen. Über 90 Prozent der Patientinnen und Patienten erhielten innerhalb von 28 Tagen einen Termin.
Das KBV-KV-System muss nicht auf der grünen Wiese anfangen. Auf mehr als zehn Jahren praktischer Erfahrung lässt sich aufbauen. Die KBV arbeitet daran, die 116117 als zentrales Instrument der Patientensteuerung weiterzuentwickeln – mit medizinisch fundierter Ersteinschätzung, digitaler Terminvermittlung und verlässlichen Schnittstellen zu den Praxisverwaltungssystemen.
Was dafür fehlt: ein verbindlicher politischer Auftrag und eine klare Finanzierungszusage. Die Neuausrichtung der 116117 ist eine Aufgabe der Daseinsvorsorge – sie darf nicht aus der Vergütung ärztlicher Leistungen finanziert werden.
Weitere Informationen
Praxisverwaltungssysteme und IT-Infrastruktur: Die Basis muss stimmen
Moderne, gut funktionierende Praxisverwaltungssysteme und eine stabile IT-Infrastruktur sind die Grundlage jeder erfolgreichen Digitalisierung. Doch der technische Standard hält den jetzigen digitalen Versorgungsstrukturen bereits nicht mehr stand.
Wenn PVS-Systeme die Arbeit in den Praxen erschweren, weil sie langsam, veraltet oder wenig intuitiv sind, muss ein einfacher Wechsel möglich sein. Dafür sind ein echter Leistungswettbewerb unter den Herstellern, eine gesicherte und kostenfreie Datenmigration bei einem PVS-Wechsel sowie ein verbindliches Beratungsrecht der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) zentral.
Daneben braucht es gezielte staatliche Investitionen. Die Praxen haben die Digitalisierung mit Eigenengagement und Eigenmitteln vorangetrieben. Eine Ungleichbehandlung gegenüber dem Krankenhaussektor darf es nicht geben.
Künstliche Intelligenz: Chance und Herausforderung
KI-Anwendungen bieten große Chancen, die Patientenversorgung zu verbessern – von der Dokumentationsunterstützung bis zur Entscheidungsunterstützung in der Diagnostik. Entscheidungen treffen aber weiterhin die Ärztinnen und Ärzte im Dialog mit ihren Patientinnen und Patienten.
Künstliche Intelligenz kann administrative Prozesse vereinfachen, die Dokumentation beschleunigen und Effizienz und Qualität in Diagnostik und Therapie verbessern. Medizinische KI-Anwendungen setzen gesicherte Evidenz, transparente Algorithmen und rechtlich klare Verantwortung voraus. KBV und KVen unterstützen verlässliche Rahmenbedingungen und geben den Praxen Orientierungshilfen für den KI-Einsatz.